
Dongjoon Lim darüber, wie er in Objekten Bewegung findet
Der Kreis von On × POST ARCHIVE FACTION (PAF) schliesst sich. Der Kopf hinter dem südkoreanischen Kultlabel reflektiert darüber, wie man einem Objekt Dynamik einhaucht und was entsteht, wenn zwei fast schon gegensätzliche Design-Sprachen aufeinandertreffen.
Seit jeher fühlen sich Künstler*innen zu Flüssen hingezogen, die durch Städte fliessen. Von Whistlers und O’Keeffes Gemälden der Themse und des East Rivers bis hin zu Shelleys Arno und Kim Jones’ Seine für Dior: Dort, wo Fluss und Stadt aufeinandertreffen, fanden sie Inspiration.
Das gilt auch für Dongjoon Lim, den Gründer von POST ARCHIVE FACTION (PAF). Seine Karriere wurde wesentlich von der Limmat, dem Zürcher Stadtfluss, geprägt. Seit der Gründung von PAF im Jahr 2018 hat sich der gebürtige Seouler eine Fan-Gemeinde unter Fashion-Enthusiast*innen aufgebaut – mit Kleidung, die Vertrautes in unerwartete Formen bringt und dich zweimal hinsehen lässt.
Gerade sitzt Dongjoon am Set für den Dokumentarfilm, der das Ende der Partnerschaft zwischen On und PAF markiert. Er ist umgeben von den rund 30 Running-Teilen, aus denen CURRENT FORM besteht – den sechs Kollektionen, die in den letzten zwei Jahren gemeinsam mit On entstanden sind. Die Stücke sind im Kreis um ihn herum ausgelegt: eine passende Form für eine Kollaboration, die Dongjoon nie als gerade Linie angedacht hatte.
Er greift nach dem Cloudmonster 2 PAF, dem ersten Schuh von On × PAF. Der Schuh erinnert ihn an einen Tag im Jahr 2023 zurück – an den Besuch in Zürich, der der Beginn seiner kreativen Reise mit On sein sollte. Nach einem Tag voller Meetings liess er sich dazu überreden, sein Hotel zu verlassen und sich dem Team beim «Böötle» anzuschliessen: sich im Schlauchboot die Limmat hinuntertreiben zu lassen. Dongjoon ist jener Nachmittag als «einer der glücklichsten Momente meines Lebens» in Erinnerung geblieben. Er erzählt, wie diese Erfahrung seine Sicht auf die Beziehung zwischen dem Fluss und der Stadt verändert hat – und ihm half zu verstehen, wie tief die beiden miteinander verbunden sind.
Auch die Strömung faszinierte ihn: unsichtbar, aber greifbar in ihrer Bewegung und ihrer Kraft. Noch auf dem Wasser dachte er darüber nach, wie sich diese Bewegung in Design ausdrücken lassen könnte. Er fragte sich, wie ein Objekt wie ein Schuh einen Menschen dazu bringen kann, an Bewegung zu denken.
So begann CURRENT FORM. Dongjoon nahm die Designsprache von On als systematisch, minimal und funktional wahr – «wie eine gerade Linie». Mit PAF wollte er daraus «eine neue Kurve schaffen». Aber es gab einen weiteren, banaleren Wunsch, der ihn antrieb: «Ich wollte einfach einen schönen Schuh machen», sagt Dongjoon. «Ich habe darüber nachgedacht, wie ich ihn wirklich schön machen kann.»
Diesen Perspektivenwechsel in einen Performance-Laufschuh zu übersetzen, war eine Herausforderung. Dongjoon musste einen Weg finden, die Ästhetik von PAF mit der Technologie von On zu verbinden, ohne dass der Schuh an Leistung einbüsst. Die Lösung fand er in einem Prozess, der sich durch alle folgenden Kollektionen ziehen sollte: «Wir haben On wie einen grandiosen Teller behandelt», sagt er, «und uns darauf konzentriert, unser Design wie ein Gericht darauf zu servieren.»
Dieser Prozess musste akribisch sein. Dongjoon erklärt, dass selbst eine Kleinigkeit wie etwas mehr Luftzirkulation am Obermaterial die Performance eines Laufschuhs beeinflussen kann. Es entstanden Muster, die getestet, angepasst und wieder getestet werden mussten. Dongjoon arbeitete oft bis tief in die Nacht daran, Details zu perfektionieren. «Es gab Tage, an denen ich bis fünf Uhr morgens wach war, um das Design noch weiter zu verfeinern.»
Für ihn war klar: Die Idee, die er auf der Limmat hatte, muss Realität werden. Er möchte einem Objekt das Gefühl von Dynamik verleihen. «Mein Ziel ist es, dass die Menschen die Bewegung spüren können. Selbst dann, wenn du nicht läufst und dich nicht bewegst, sollst du an Bewegung denken, wenn du die Schuhe siehst.»
Der Aufwand hat sich gelohnt. Dennoch, so Dongjoon, wisse man nie genau, wie die Leute reagieren. Er teilt eine seiner liebsten Erinnerungen an den allerersten Release: Als er am PAF Flagship Store in Seoul ankam, warteten dort schon mehr als 100 Menschen auf den Cloudmonster 2 PAF. «All diese Menschen vor dem Store zu sehen, hat mich wirklich berührt», sagt er. «Mir wurde klar, dass der Impact grösser sein kann, als ich es mir je erträumt hatte.»
Die Limmat tauchte in den Kollektionen immer wieder als Motiv auf. Doch Dongjoon liess auch andere Aspekte der Natur in CURRENT FORM einfliessen. Jetzt launcht CURRENT FORM 5.0 den Cloudsoma PAF – einen Laufschuh, der von den Felsformationen inspiriert ist, denen Dongjoon beim Wandern im Schweizer Engadin begegnete. Er beschreibt die Idee dahinter als «harmonisiertes Chaos»: Die Natur kann zeitgleich chaotisch wirken und trotzdem ihre eigene Ordnung besitzen. «In der Natur scheinen viele Dinge sehr unregelmässig platziert zu sein», sagt er, «aber du kannst eine wunderschöne Ordnung in ihnen sehen.»
Zurück am Set. Dongjoon läuft im Kreis und betrachtet die Teile, die um ihn herum liegen. Heute ist der Kreislauf von CURRENT FORM offensichtlich und klar, aber, so erklärt er, das war nicht immer so. Am Anfang wurde jede Kollektion für sich betrachtet und erst anschliessend zum Fundament der Folgekollektionen. «Ich habe mich darauf konzentriert, jeden Punkt gezielt zu setzen, und ich habe viel darüber nachgedacht, wie ich diese Punkte verbinde», sagt er. «Erst später dachte ich: ‘Das könnte eigentlich wie ein Kreis aussehen.’»
Diese Idee hat seither auf Teneriffa physische Gestalt angenommen. Dort bildet heute eine Installation des Land Artists Strijdom van der Merwe einen Rundkurs für Läufer*innen, der sich mit der Zeit und der Nutzung verändern wird. Geschaffen aus Vulkansteinen von vor Ort, feiert das Werk die Partnerschaft – es ist ein Monument der Bewegung.
Die Stücke um Dongjoon herum sind gleichzeitg auch sein persönliches Archiv von CURRENT FORM: Kleidung und Schuhe aus allen Kollektionen, die als Erinnerung aufbewahrt werden. Für ihn hatte ein Archiv schon immer etwas Persönliches – «etwas aus meiner Vergangenheit, auf das ich zurückblicken kann».
Wenn er die Kollektionen zusammen betrachtet, sieht er den Weg, den sie zurückgelegt haben, selbst wenn er kein klares Ende erkennt.
«Ich glaube nicht, dass es sowas wie einen perfekten und vollständigen Zustand wirklich gibt», sagt er. «Ich glaube aber an das ständige Streben, diesen Zustand zu erreichen.»
CURRENT FORM ist digital auf lab.zip archiviert.
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